Mehr als Abenteur

Auf einer Raiderfahrt nach Armenien sich selbst besser kennenlernen

von Klaus Gerstle

Ende Juni 2017 habe ich mein Abitur in der Tasche. Was jetzt? Seit einiger Zeit bin ich als Hilfsfeldmeister im Trupp der Pfadfindergruppe in Türkheim aktiv. Aber bevor es zusammen mit der Sippe auf Sommerlager geht, melde ich mich für die fünfwöchige Großfahrt nach Armenien: Wandern, Trampen und ein Hilfseinsatz im Feriencamp für 220 armenische Kinder aus bedürftigen Familien. Was eigentlich als Abenteuerfahrt gedacht war, wird für mich zur wichtigen Selbsterkenntnis.

Nach einer siebentägigen Überschreitung des Geghama-Gebirges östlich von Jerewan erreichen wir zu zwölft die Ortschaft Tsaghkadzor, wo wir uns als Volontäre beim dortigen Kindercamp gemeldet hatten. Wir sind gespannt, wie wir ohne irgendwelche Armenisch-Kenntnisse bei der Betreuung der Kinder mithelfen können. Schon im Vorfeld hatten wir diese Bedenken geäußert, doch die Ordensschwester Arousiag, Leiterin der Camps, hatte uns zurückgeschrieben: Language is no problem. As you well know, giving love and attention to orphans and needy children does not require a spoken language; you just let the heart speak.“/ „Sprache ist kein Problem. Man braucht keine gesprochenen Worte, um Waisen und armen Kindern Liebe zu schenken. Lasst einfach euer Herz sprechen.“ Klingt einfach. Aber funktioniert das wirklich? Keiner von uns hat eine Vorstellung, was uns eigentlich erwartet.

Auch ich bin aufgeregt. In Türkheim kümmere ich mich um Pfadfinder im Alter von 14 Jahren; die Arbeit mit dieser Alterststufe liegt mir. Hier aber überträgt man mir gleich bei der ersten Besprechung die Leitung einer Gymnastikstunde mit den Achtjährigen. Ob ich etwas auf Englisch erklären kann, will ich wissen? Nein, die Kinder können nur „Hello“ und „Bye-bye“. Ich versuche es also mit Zeichensprache und deute einen Kreis an. Überraschend folgsam steht kurze Zeit später die Gruppe im Kreis. Auch die Regeln zu einem einfachen Ballspiel erkläre ich mit Händen und Füßen, und bald fliegt der Ball hin und her. Die Kinder sind voll bei der Sache; ich auch. Ganz schnell ist die anfängliche Unsicherheit weg, und im Nu ist die Stunde vorbei. Eigentlich sollte die Gruppe jetzt zurück ins Haus zur Theaterprobe, aber die Kindertraube, die an mir hängt, will sich nicht mehr auflösen. Erst als eine armenische Volontärin die Kinder beinahe handgreiflich antreibt, folgen sie ihr widerwillig ins Haus.

Den anderen Pfadfindern geht es nicht anders: Einer beteiligt sich am gemeinsamen Chorprojekt, einer unterstützt den Französisch-Workshop, einer organisiert selber einen Englischkurs, wieder ein anderer übt mit den Kindern die Bedienung von Paint am Computer. Manche Kinder schließen sich auch unserem Pfadfinder-Handwerkerteam an, denn der armenische Hausmeister hat seine Gäste aus Deutschland schnell als „Facharbeiter“ identifiziert und uns mit der Reparatur von Schränken, Türen und Fenster beauftragt. Natürlich sind auch da die Kinder vom Camp voller Begeisterung dabei. So ist schon nach der ersten Stunde bei allen das Eis gebrochen. Beim Mittagessen treffen wir uns alle wieder im großen Speisesaal; gemeinsam tragen wir das Essen auf, gemeinsam essen und plaudern wir – wieder mit Händen und Füßen – gemeinsam spülen wir ab. In alle Aufgaben des Camps sind wir voll integriert. Besondere Augenblicke der Verbundenheit von Kindern und Volontären sind die Zeiten des gemeinsamen Gebets in der Kapelle. Die meisten Kinder gehören der armenisch-apostolischen Kirche an, einer Untergliederung der orthodoxen Kirche; nur wenige sind katholisch; so wird das Gebet am Morgen und Abend zu einer richtig ökumenischen Begegnung. Die geistliche Leitung des Camps liegt aber in den Händen der armenisch-katholischen Schwestern. Darum wird im Lager jeden Tag die Liturgie im alten, armenischen Ritus gefeiert – für uns ein ganz neues Erlebnis. Und weil sie mit Rom uniert sind, können wir dort auch die heilige Kommunion empfangen!

In den folgenden Tagen werde ich die Altersstufe der Achtjährigen nicht mehr los. Auch wenn sich der Rest unserer Pfadfindergruppe am späten Nachmittag mit den älteren Jungs zum Fußball-Kicken auf dem Spielplatz trifft – mein Platz im Camp ist bei den jüngsten Teilnehmern: Egal wo mich die Kleinen entdecken – im Nu sind sie bei mir, belagern mich und fordern mich zu Spielen und Wettkämpfen heraus. Zugegeben: Ich hätte mir nie vorstellen können, mit Kindern in diesem Alter irgendwas zu machen. Es war erst ein Sprung ins kalte Wasser, aber in Wirklichkeit hat es richtig Freude gemacht.

Im Nu ist die Woche Hilfseinsatz vorbei. Unsere Fahrtenroute führt noch in verschiedene Gebirgszüge Armeniens und Georgiens. Trotzdem bleibt der Einsatz im Kindercamp der eigentliche Höhepunkt unserer fünfwöchigen Fahrt.

Inzwischen kümmere ich wieder um meine 14jährigen Pfadfinder in Türkheim. Morgen geht es ganz konkret auf ein Wochenendlager in die Berge. Doch meine Gedanken kehren immer wieder zu den Kindern in Tsaghkadzor zurück. Dass mir auch die Arbeit mit jüngeren Kindern liegt, hätte ich selber nicht vermutet. Und so waren für mich die fünf Wochen viel mehr als bloß eine Abenteuerfahrt.

Aber auch in Armenien sind wir Pfadfinder nicht vergessen. Schon bald nach unserer Rückkehr haben erste Postkarten ihren Weg nach Deutschland gefunden: „Thank you for your visit and the love you share with us.“ Wann wird es ein Wiedersehn geben?

(Erschienen in PM 142 1-2018, S. 15-17)

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