Die sieben Gaben des Heiligen Geistes

von P. Markus Christoph

Aus dem Katechismus kennen wir die sieben Gaben des Heiligen Geistes: Weisheit, Verstand, Rat, Stärke, Wissenschaft, Frömmigkeit und Gottesfurcht.
Schon im Alten Testament wurden sie vom Propheten Jesaja erwähnt (Jes 11,2). Aber was bewirken diese sieben Gaben genau? Wie können sie unser Leben verändern? Die folgenden Überlegungen wollen sowohl den Sinn der einzelnen Gaben näher erklären als auch die innere Verknüpfung zwischen den Gaben aufzeigen: Wer die erste Gabe hat, braucht die zweite, und diese führt wiederum zur dritten usw.

1. Die Gabe der Weisheit: Wissen Was Wichtig ist

Weisheit ist: Wissen, was wichtig ist. Wer viel weiß, ist nicht automatisch weise. Weise ist, wer im Leben das Unwichtige vom Wichtigen unterscheiden kann; wer weiß, wofür man Zeit investieren soll und wofür nicht. Wer gute Roboter baut und die Namen aller Päpste kennt, weiß vielleicht viel, aber ist noch nicht weise. Heute sind wir oft Meister des Viel-Wissens. Aber sind wir weise? Wissen wir, was wirklich wichtig wäre? Beruf? Sport? Gesundheit? Hobbies? Beziehung? Glaube? Wie schnell verlieren wir in der Fülle unseres Wissens die Orientierung. Die Gabe der Weisheit befähigt uns, aus der Perspektive Gottes auf unser Leben zu blicken und zu erkennen, was aus seiner Sicht wirklich wichtig ist. Jeder Heilige hatte diese Gabe. Der heilige Franziskus war weise, als er erkannte, dass es im Leben – aus dem Blickwinkel Gottes – nicht um Reichtum und Ansehen geht, sondern um die aufrichtige Hingabe an Gott. Diese Weisheit hat sein Leben radikal verändert. Weisheit ist darum der Schlüssel zur Heiligkeit.

2. Die Gabe des Verstandes: Verstehen Warum und Wozu Was Wichtig ist

Wissen und Verstehen ist nicht dasselbe. Man kann wissen, dass Pi gleich 3,1415926… ist, aber man versteht deswegen die Zahl noch nicht. Ein Ehemann kann wissen, dass seine Frau ihn liebt, auch wenn er das Warum nicht versteht. Verstehen ist mehr als Wissen. Wissen weiß, wie etwas ist. Verstehen weiß, warum oder wozu etwas ist. Freilich, echte Weisheit strebt nach dem Verstehen. Ein echter Mathematiker, der die Zahl Pi kennt, will wissen, warum Pi genau Pi ist. Und der Ehemann versucht die Gründe der Liebe seiner Frau zu verstehen. Verstand bedeutet das Verstehen warum und wozu was wichtig ist.

Wer durch die Gabe der Weisheit erkennt, was in seinem Leben wirklich wichtig ist (nämlich unsere Beziehung mit Gott), der wird immer tiefer unseren Glauben verstehen; er wird sehen, welche Zusammenhänge es zwischen einzelnen Glaubenswahrheiten gibt; er wird nicht nur wissen, dass wir durch die Taufe Kinder Gottes werden, sondern auch verstehen, warum und wozu uns Gott diese intime Beziehung schenkt.

Ein schönes Beispiel für die Gabe des Verstandes ist der heilige Thomas von Aquin, der zwischen den verschiedenen Glaubenswahrheiten immer neue Zusammenhänge sah. Dass es dabei um eine Gabe des Heiligen Geistes geht und nicht um
intellektuellen Fleiß, zeigt die kleine heilige Theresia, die ohne Theologiestudium ein tiefes Verstehen des Glaubens besaß.

3. Die Gabe des Rates: Richtig Reagieren

Wenn wir wissen und verstehen, was wichtig ist (Weisheit und Verstand), dann können wir unser Leben entsprechend ausrichten. Genau das ermöglicht der „Rat“. Bei der Gabe des Rates geht es nicht darum, anderen gute Tipps zu gebe, sondern um das eigene „Mit-sich-selbst-zu-RATE-gehen“ vor einer Entscheidung: Das Wochenende ist frei, ich kann auf Youtube surfen, ins Freibad gehen oder die Großeltern besuchen. Vor einer Entscheidung wägt man ab, um dann optimal zu reagieren.

Genau hier setzt die Gabe des Rates an: Sie weitet unseren Horizont, damit wir nicht alleine überlegen, sondern uns für den „Rat Gottes“ öffnen und dann richtig reagieren.

Alle Heiligen waren Meister des Rats. Der heilige Ignatius von Loyola musste als Ordensoberer täglich schwierige Entscheidungen fällen. Bei wichtigen Entscheidungen schrieb er seine eigenen Gedanken auf, legte sie auf den Altar und bat um Erleuchtung und innere Klarheit. Nach dieser „übernatürlichen Be-RAT-ung“ war er sicher, richtig zu reagieren.

4. Die Gabe der Stärke: Schwierigkeiten Standhalten

Richtig zu entscheiden, ist eine Sache; eine Entscheidung umzusetzen eine andere. Deshalb braucht der Rat die Ergänzung durch die Gabe Stärke, die uns befähigt, nach einer guten Entscheidung auch in Schwierigkeiten standzuhalten. Schwierigkeiten können von außen auftreten: fehlende Unterstützung, das Ausbleiben von Anerkennung, unvorhergesehene Probleme; es gibt aber auch Hindernisse von innen: eigene Bequemlichkeit, Unsicherheit, mangelnde Ausdauer. Stärke bedeutet immer: in Schwierigkeiten standhalten.

Der Diener Gottes Matt Talbot, ein Ire im 19. Jahrhundert in Dublin, war als Trunkenbold stadtbekannt, der noch am Zahltag seinen Wochenlohn verzechte. Angerührt durch die Gnade Gottes entschied er sich 1884 von heute auf morgen für das Gelübde des vollkommenen Alkoholverzichts – und hatte gerade in den ersten Wochen mit unglaublichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Aber eine übernatürliche Stärke ließ ihn aushalten. Schon Paulus schrieb: „Alles vermag ich in dem, der mich stärkt“ (Phil 4,13). Die übernatürliche Stärke ist eng verbunden mit der nächsten Gabe, nämlich der Wissenschaft.

5. Die Gabe der Wissenschaft: Den Wirklichen Wert der Welt Wahrnehmen

Ganz allgemein hat Wissenschaft das Ziel, objektiv, sicher und umfangreich das Wissen über einen Gegenstand zusammenzuführen. Im Gegensatz zur Weisheit – Wissen was wichtig ist – lässt sich Wissenschaft über jeden Gegenstand betreiben: Geographie, Ökonomie und Sportwissenschaft machen zwar nicht weise, aber sind Wissenschaften. Die Gabe der Wissenschaft befähigt uns, die Welt aus der Perspektive Gottes zu sehen; zu erkennen, welche Bedeutung jede Sache aus der Sicht Gottes hat, welchen Sinn die geschaffene Wirklichkeit nach dem Plan Gottes besitzt. Kurz: Wissenschaft ist: den wirklichen Wert der Welt wahrnehmen. Die Sonne ist nicht nur ein heißer Stern, der die Erde beheizt, sondern auch Spiegelbild Gottes als Quelle aller Wärme und Lichts. Wasser ist nicht nur das chemische Element H20, sondern auch Offenbarung der Gnade Gottes zur Reinigung und Lebensspendung.

Bäume lassen uns die Kirche tiefer verstehen (vgl. Senfkorngleichnis). Mit der Gabe der Wissenschaft erkennen wir den Sinn, den Gott in die Dinge der Welt hineingelegt hat. Die Gabe der Wissenschaft lässt uns auch im Ablauf der Geschichte Gottes Spuren erkennen, auch in den Problemen und Schwierigkeiten unseres Lebens (hier schließt sich die Gabe an die Stärke an). Ignatius von Loyola hatte im 16. Jahrhundert zwei seiner Jesuiten als Missionare für Indien bestimmt; weil der zweite Kandidat am Abfahrtstag krank war, musste kurzerhand und – menschlich gesehen völlig ungeplant – Franz Xaver einspringen. Dieser sah darin das Wirken Gottes (Gabe der Wissenschaft) und bestieg das Schiff. In Portugal erkrankte der zweite Mitbruder, Franz Xaver fuhr alleine nach Indien und wurde der größte Missionar der Kirchengeschichte. Die Gabe der Wissenschaft befähigt uns, den wirklichen Wert der Welt und ihrer Ereignisse wahrzunehmen.

6. Die Gabe der Frömmigkeit: Family Feeling

Bei keiner Gabe ist das deutsche Wort so irreführend wie bei der Gabe der Frömmigkeit, die für die lateinische pietas steht. Pius im ursprünglichen Sinn ist der, der seinem Vater die zustehende Ehre erweist. Ganz allgemein meint pietas unser rechtes Verhalten in Bezug auf Familie, Freunde, Wohltäter, Vaterland.

Die Gabe der Frömmigkeit überträgt diese Beziehung auf Gott. Ohne Gaben des Heiligen Geistes stünde Gott uns nur als Herr und Schöpfer gegenüber. Dass wir auf Gott als unseren Vater blicken dürfen und mit ihm in kindlicher Liebe verbunden sind, übersteigt unsere Natur als Geschöpfe; und darum brauchen wir die Gabe der pietas: Sie befähigt uns, mit kindlichem Vertrauen auf Gott als unseren Vater zu schauen und ihn nicht nur als Schöpfer, sondern als liebenden Vater zu ehren. Die Gabe der Frömmigkeit bewirkt ein family feeling in Bezug auf Gott. Gleichzeitig verändert sich damit unser Verhältnis zu unseren Mitmenschen. Sie sind nicht mehr nur Mitmenschen, sondern (potentielle) Mitbrüder, Mitschwestern, Geschwister einer großen Familie des Glaubens.

Heiliger Geist,
wir bitten dich, gib uns
allen gnädiglich deiner
sieben Gaben Kraft.

Ein leuchtendes Beispiel der Gabe der Frömmigkeit war die heilige Mutter Teresa. Jesus im Nächsten sehen und ihn darum als Bruder lieben. „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25).

7. Die Gabe der Gottesfurcht:Gespür für die Größe Gottes

Die Gabe der Gottesfurcht schließt sich inhaltlich an die vorhergehende Gabe an: Die Frömmigkeit schenkt uns eine kindlich-familiäre Beziehung mit Gott. Aber sie birgt in sich auch die Gefahr, blind zu werden für Gottes unendliche Größe und Würde. Wie leicht missverstehen wir Gott als „lieben Gott“, als „netten Großvater“ im Himmel. Die Gottesfurcht schenkt uns ein Gespür für die Größe Gottes.

Nicht zuletzt bei dieser Gabe haben wir in den Heiligen große Vorbilder. Es gibt keinen Heiligen ohne waches Gespür für die Größe Gottes. Vom heiligen Pfarrer von Ars erzählt man, seine Ehrfurcht vor dem Herrn sei so groß gewesen, dass er es sorgfältig vermied, in der Kirche mit dem Rücken zum Tabernakel zu stehen – aus dem wachen Bewusstsein der
Größe dessen, der gegenwärtig ist.

Die Gabe der Gottesfurcht führt auf geheimnisvolle Weise wieder zur ersten Gabe: Das Gespür für die Größe Gottes erleichtert uns das Wissen, was wirklich wichtig ist – genau das war die Definition von Weisheit. Und darum betont die Heilige Schrift an vielen Stellen: „Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Weisheit“ (z.B. Ps 111,10). Bitten wir täglich um Wachstum in diesen sieben herrlichen Gnadengaben, die uns helfen werden, unser ganzes Leben aus der Perspektive Gottes zu sehen und zu führen.

(Erschienen in PM 143 2-2018, S. 3-5)

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